Feigheit vor dem Freund

Kommentar über "zweierlei Maß" vom Fuße des Blauen
Feigheit vor dem Freund
Von Evelyn Hecht-Galinski

Kanzlerin Merkel empfindet Ekel und Abscheu nach dem schrecklichen Attentat in Ägypten,
begangen an koptischen Christen. Das schrieb sie an Präsident Mubarak. Auch ich
verabscheue dieses Attentat. Aber sind nicht auch Abscheu und Ekel zu empfinden vor einer
Diktatur des Regimes Mubarak und seines fürchterlichen Sicherheitsapparates? Wurde nicht
El Baradei zum Weggang vor der Wahl, zum Weggang aus Ägypten „genötigt“? War es nicht
eine Farce, diese ägyptischen Wahlen widerspruchslos hinzunehmen, aber die „demokratisch
gewählte Hamas-Regierung“ in Gaza zu negieren und angebotene Verhandlungen
auszuschlagen? Unsere Christliche Leit/Leid-Kultur mit Kriegen im Irak, Afghanistan,
Pakistan und Jemen einzuführen, das rächt sich jetzt.


Ich vermisse das Mitgefühl von Frau Merkel für das Gaza-Massaker, das am 27. Dezember
2008 begann, bei dem 1.417 Palästinenser getötet wurden und das formal am 18. Januar 2009
endete. In Wahrheit endete es nicht und setzt sich bis heute fort. Das Blockieren, Besetzen
und Morden an den von Israel in Geiselhaft gehaltenen Palästinensern wird von Kanzlerin
Merkel toleriert.
Noch in diesem Monat wird das jährliche Kabinettstreffen mit der israelischen Regierung
fortgesetzt. Jetzt fordern deutsche Politiker (Kauder) eine Distanzierung der Muslimverbände
von dem Attentat. Warum fordert man nicht vom Zentralrat der Juden in Deutschland eine
Distanzierung von der israelischen „Staatsterror-Politik“? Z.B. von der Tötung eines
unschuldigen Palästinensers am Check Point, oder einer unschuldigen Palästinenserin in
Bi’lin, die von der israelischen Armee mit einem Gemisch aus Tränengas und Phosphor
getötet wurde?
Muslime sollen sich distanzieren - und der Zentralrat?
Ein Attentat – und die muslimischen Verbände werden „aufgefordert“ sich zu distanzieren.
Distanzierte sich der Zentralrat der Juden vom Massaker in Hebron, begangen von einem
jüdischen Extremisten, oder jetzt von Aufrufen rassistischer Rabbiner? Im Gegenteil! Wäre es
nicht sogar eine moralische Pflicht des Zentralrats gewesen, sich von diesen rassistischen
Rabbinern zu distanzieren? Wo bleibt also die Aufforderung zur Distanzierung der deutschen
Politik von „jüdischem Fanatismus und Rassismus“? Es reicht nicht, auf dem Koran
„rumzutrampeln“, den Talmud aber auszulassen. Religionsmissbrauch und ideologischer
Fanatismus gehören verurteilt, egal aus welcher Richtung sie kommen. Würde man solche
Distanzierungen vom Zentralrat der Juden verlangen, würde dieser aus dem Distanzieren
nicht mehr rauskommen. Also wieder und wieder zweierlei Maß. Ist das die gegenüber Israel
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angebrachte Staatsräson? Sie widerspricht unserem Grundgesetz! Ist das die „Feigheit vor
dem Freund“?
Zweierlei Maß – hier die christlich-jüdische Einheit, dort die Islamophobie. Vertreten wir hier
nur noch die „christlichen Menschenrechte“ – unter großzügiger Miteinbeziehung der
„jüdischen Freunde“? Nein, Menschenrechte sind unteilbar und gelten für alle gleich! Ersetzt
man das Wort Moslem durch Jude, dann wird einem ganz schnell klar, welche Parallelen man
ziehen kann.
Klar leben wir in einem „zivilisierten“ Staat. Wir töten nicht mehr „altmodisch“. Warum
auch? Heute haben wir hochtechnische Methoden. Computergesteuerte Drohnen, die sogar
von Soldatinnen bedient werden – jeder „Joy Stick“ kann ein Menschenleben kurz und
„schmerzlos“ auslöschen. Tarnkappenbomber, die Bomben abwerfen, Töten leicht gemacht,
ohne Gewissensbisse – und Landminen. Das alles erleichtert heute die Massaker. Ekel und
Abscheu sollten wir alle zeigen, wenn rassistische Staaten wie Israel mit unserer Hilfe
ethnische Säuberungen begehen.
Krokodilstränen für zwei BILD-Reporter
Deutsche Politiker vergießen werbewirksam Krokodilstränen in der Tagesschau, wenn es um
zwei BILD-Reporter geht, die unter falschen Voraussetzungen in den Iran reisten und dort
gefangen genommen wurden.

Firas Maraghy im Hungerstreik vor
der Botschaft Israels in Berlin
Foto: NRhZ-Archiv
Diese BILD-Reporter haben sich dort auf keinen Fall für die Menschenrechte eingesetzt,
sondern sensationslüstern ein Interview ergattern wollen. Die wahren Helden sind die
„Reporter ohne Grenzen", die während ihres Einsatzes für die Menschenrechte in Kauf
nehmen, selbst zu Schaden zu kommen. Sind nicht aktuell wieder beim Springer-Konzern mit
„BILD“ und „Welt“ die „Schreibtischtäter und geistigen Brandstifter“ der Islamhetze? Im
Verbreiten von Unwahrheiten ist der Springer Konzern jedenfalls „einsame Spitze“, wie einst
bei den „68ern“ in Berlin mit den „Jubelpersern“ heute gegen den Iran. Anständige und
mutige Menschen, wie Walter Herrmann von der Kölner Klagemauer werden mit falschen
Behauptungen diffamiert. Sarrazin wird hoffähig gemacht – eine erbärmliche Figur, die sonst
als „nuschelndes Nichts“ in die Geschichte eingehen würde.
Wo bleiben Abscheu und Ekel vor dem empörenden Vorgehen der israelischen Regierung
gegen Firas Maraghy – diesem mutigen Palästinenser, dessen Hungerstreik am 4. September
vor vier Monaten endete? (1) Was hat es ihm gebracht außer körperlichen Strapazen und am
Rande des Todes zu stehen? Nicht viel! Die israelische Regierung hat ihm die ihm
zustehenden Papiere bis heute verweigert. Auch hier zeigt sich wieder die Hilflosigkeit der
deutschen Politik gegenüber israelischer Willkür. Warum nutzen Politiker wie Gysi und
Polenz ihre Fernsehauftritte z.B. in der Tagesschau nicht, sich anstatt für die BILD-Reporter
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für unterdrückte und ihrer Rechte beraubter Palästinenser einzusetzen? Warum spricht man
nicht über die mehr als 10.000 gefangen gehaltenen Palästinenser? Warum hört und sieht man
in der Tagesschau nichts vom täglich schleichenden Morden Israels an Palästinensern?
Warum muss ich erst um 19.00 Uhr auf das Arte Journal gehen, um darüber informiert zu
werden?
Als guter Vorsatz zum Jahresbeginn 2011: BDS (Boycott, Desinvestment, Sanctions =
Boykott, Abbruch der Investitionen, Sanktionen) muss schon aus dem „Innern“ kommen, also
bei uns beginnen! Opponieren wir gegen immer neue Städtepartnerschaften mit Israel!
Universitäten sollten so lange keinen wissenschaftlichen Austausch pflegen, solange die
palästinensischen Wissenschaftler unfrei, unter der Besatzung Israels leben müssen und nur
von „Gnaden“ der „Besatzer“, ein und ausreisen dürfen. Es sollte keinen Parteien- und
Gewerkschaftsaustausch, keine Handelsabkommen mit dem „Jüdischen Staat“ geben, solange
dieser sein Unterdrückungs- und Apartheidregime aufrecht erhält.
Seit ich Ilan Pappes Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ gelesen habe, seit ich das
Glück hatte, in Stuttgart auf der Palästina-Solidaritätskonferenz dabei sein zu dürfen und dort
gemeinsam mit Ilan Pappe, Mazin Qumsiyeh, Haidar Eid, Ali Abunimah, Lubna Mazarwa als
Referentin aufzutreten, hat sich mein Blick über Deutschland und Palästina nochmals
verändert.
Welche Tragik: Mazin Qumsiyeh und Haidar Eid begegneten sich in Stuttgart (4.000 km von
ihrem besetzten Heimatland entfernt) das erste Mal persönlich – der eine aus der Westbank,
der andere aus dem „Freiluftgefängnis“ Gaza. Beide sind ständig der Gefahr ausgesetzt aufs
Neue verhaftet zu werden. Als diese Menschen authentisch und kämpferisch vortrugen,
wusste ich, dass wir „deutschen Experten“ kleine Räder im großen Getriebe sind. Wir haben –
wie sie sehr richtig forderten – die Pflicht gerade auch als Deutsche mehr zu tun! Es muss
erlaubt sein, Zionismus als eine Ideologie des Rassismus und des Kolonialismus zu
bezeichnen.
Realität hat die Hoffnung eingeholt
Nehmen wir uns ein Beispiel an diesen Forderungen. Es reicht nicht, eine
„Hoffnungsideologie“ zu verbreiten, nur weil diese auch für gewisse kirchliche und politische
Kreise besser „zu verkaufen“ ist. Die Wahrheit ist: die Realität hat die Hoffnung eingeholt.
Man kann mit dieser „jüdischen Ideologie“ keine Hoffnung haben, sondern diese nur mit
Taten und Fakten bekämpfen.
Daher empfehle ich auch Gilad Atzmon und seinen Blog aufmerksam zu lesen. Dieser
begnadete Jazz-Saxophonist wird von verschiedenen „Kreisen“ verunglimpft, weil man hier
noch nicht so weit ist, sich vorurteilsfrei mit seinen richtigen und hoch intelligenten Thesen
auseinanderzusetzen. Wir hatten das Glück, Gilad Atzmon mit einem Grußwort auf der
Stuttgarter Konferenz erleben zu dürfen.
Eine weitere Lehre aus dieser einmaligen Konferenz: Vergessen wir die „Experten“ von
gestern und lernen wir von den Betroffenen von heute. Vergessen wir die Utopisten, halten
wir uns an die Visionäre. Den Weg dazu haben Verena und Attia Rajab mit der Ausrichtung
dieser unvergesslichen Konferenz gewiesen.

Foto: Hans-Dieter Hey
Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin und die Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden
des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. Ihren Kommentar für die NRhZ
schrieb sie "vom Fuße des Blauen", ihrem 1186 m hohen "Hausberg" im Badischen.
Online-Flyer Nr. 283 vom 05.01.2011
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